Dr. Hein Zopes gestaltet Material für schulinterne Lehrerfortbildungen mit den Themenschwerpunkten “Pädagogische Herausforderungen” und “Digitale Souveränität”.

Dieses Material darf entsprechend der CC BY 4.0 Lizenz von jedem heruntergeladen, genutzt, vervielfältigt und verändert werden darf. Gerne können Lehrerinnen und Lehrer es für ihren Unterricht verwenden. Auch für SchiLF-Angebote ist es geeignet. Alle enthaltenen Informationen wurden gewissenhaft recherchiert. Die Materialien werden regelmäßig ergänzt.

Eckdaten des Videos

StichworteAIDA-Duchsage
Amoklauf
Krisenintervention
Notfall
Notfallplan
Sicherheitskonzept
Tathergang
InhaltDer erste Amoklauf in der Bundesrepublik ereignete sich am 11. Juni 1964 in der katholischen Volkschule in Volkhoven.
Der 42-jährige Täter Walter S.griff mit einem selbst gebauten Flammenwerfer und einer selbst angefertigten Lanze Lehrerinnen und Schülerinnen und Schüler an, tötete zwei Lehrerinnen durch Stichverletzungen und fügte fast 30 Schülerinnen und Schülern und zwei weiteren Lehrerinnen schwerste Verbrennungen zu, die für 8 Schülerinnen und Schüler nach langem Leiden zum Tod führten. Dr. Hein Zopes erläutert in diesem Video, warum die Tat zu so schrecklichen Opferzahlen führte und wie moderne Sicherheitskonzepte eine Wiederholung verhindern.
ZielgruppeSchulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter
Dauer15:12
Verlinkunglibrepro

Transkript des Videos

Amokläufe an deutschen Schulen sind seltene Ereignisse. Für die Opfer und ihre Familien, die Schulen und die Orte des Amoklaufs bedeuten sie unermessliches Leid.

Bis zum Jahr 1998 sind in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nur zwei Amokläufe an Schulen mit Toten bzw. Schwerverletzten zu verzeichnen. Danach nahm die Zahl deutlich zu. Im Zeitfenster zwischen 2013 und 2022 ist dann eine tatfreie Zeit festzustellen. Der erste Amoklauf in der Bundesrepublik ereignete sich am 11. Juni 1964 in der katholischen Volksschule in Volkhoven.

Der 42-jährige Täter Walter S griff mit einem selbstgebauten Flammenwerfer und einer selbst angefertigten Lanze Lehrerinnen und Schülerinnen und Schüler an, tötete zwei Lehrerinnen durch Stichverletzungen und fügte fast dreißig Schülerinnen und Schülern und zwei weiteren Lehrerinnen schwerste Verbrennungen zu, die für acht Schülerinnen und Schüler nach langem Leid zum Tod führten.

Volkhoven war zum Tatzeitpunkt ein eher dörflicher linksrheinischer Stadtteil im Norden von Köln. Am 11. Juni 1964 befanden sich etwa 380 Schülerinnen und Schüler und acht Lehrerinnen auf dem Schulgelände. Es war ein Donnerstag und das Wetter war eher kühl und feucht. Walter S wohnte etwa 950 m von der Schule entfernt in Volkhoven im Haus seiner Mutter.

Er fuhr mit seinem Fahrrad von zu Hause zur Schule. Dabei führte er den durch den Umbau eines Pflanzenspritzgeräts hergestellten Flammenwerfer, eine selbstgefertigte Lanze, einen schweren Holzkeil, eine Schleuderkonstruktion zum Einschlagen von Fensterscheiben und ein Flasche mit Pflanzengift mit sich. Er betrat gegen 9:10 durch die Pforte das Schulgelände und blockierte das Tor zum Schulhof mit einem Holzkeil. Dieser war so konstruiert, dass Nägel als Wiederhaken ein Entfernen des Keils sehr erschwerten. Durch diese Maßnahme verhinderte Walter S. eine Flucht der Schülerinnen und Schüler und ein Eingreifen von außen.

Auf dem Schulhof fand zu diesem Zeitpunkt der von der Lehrerin Anna L. geleitete Sportunterricht einer Lerngruppe aus den unteren Jahrgängen statt. Anna L., die seit vielen Jahrzehnten an der Schule tätig war, erkannte Walter S. als ehemaligen Schüler und forderte ihn zunächst auf, beim Abbau der Turngeräte zu helfen. Sie erkannte dann aber, dass von Walter S eine Gefahr ausging und warnte die Schülerinnen und Schüler. Walter S. setzte den Flammenwerfer ein und Anna stellte sich schützend vor ihre Schülerinnen und Schüler und erlitt schwerste Brandverletzungen.

Walter S. wandte sich anschließend den Pavillons auf der rechten Schulhofseite zu und richtete die Flammen durch ein geöffnetes Fenster des ersten Unterrichtsraums. Der Flammenstrahl reichte bis zur gegenüberliegenden Wand und setzte die Kleidung zahlreicher Kinder in Brand. Fliehende Kinder wurden von Walter gezielt mit Flammenstößen angegriffen. Im ersten Unterrichtsraum entstand am Dach ein Feuer, das später von der Feuerwehr gelöscht wurde. Beim zweiten Klassenraum schlug er mit der vorbereiteten Schleuder ein Fenster ein und fügte wiederum etlichen Schülern und Schülerinnen und der anwesenden Lehrerin Brandverletzungen zu. Die Flüssigkeit im Tank des Flammenwerfers wurde bei diesem Angriff verbraucht.

Walter S. entledigte sich des Flammenwerfers auf dem Schulhof und nahm in suizidaler Absicht das mitgeführte Pflanzengift ein. Er ging weiter zum gemeinsamen Eingang des dritten und vierten Klassenraums des Pavillongebäudes. Eine weitere Lehrerin, Gertrup B., hatte zu diesem Zeitpunkt gerade das Pavillongebäude verlassen und wurde von Walter S. durch einen Lanzenstich in den Bauch tödlich verletzt.

Anschließend wechselte Walter S. zur kleinen Pavillonanlage auf der anderen Seite des Schulhofs. Die beiden dort unterrichtenden Lehrerinnen waren auf die Tat bereits aufmerksam geworden und versuchten die Tür zum Gebäude durch Festhalten der Türklinke zu blockieren. Walter S. konnte die Tür dennoch aufreißen, wobei die Lehrerin Ursula K. auf den Schulhof stürzte und zunächst durch Lanzenstiche in die Oberschenkel verletzt wurde. Anschließend wurde sie durch einen weiteren Stich in den Rücken tödlich verletzt.

Danach floh Walter S. über einen Zaun auf das benachbarte freie Feld in Richtung eines nahe gelegenen Bahndamms.

Als gegen 9:40 Uhr drei Polizisten mit einem Streifenwagen am Tatort eintrafen, war die Feuerwehr bereits vor Ort.

20 bis 30 Männer hatten zeitgleich kurzerhand die Verfolgung des Attentäters aufgenommen und waren ins Feld gelaufen. Aufgeregt gab die Menschenmenge, die sich vor der Schule versammelt hatte, den Polizeibeamten Hinweise auf den Fluchtweg von Walter S..

Zunächst im Funkstreifenwagen, dann zu Fuß machten sich die Polizisten auf den Weg. Als Walter S. von der Polizei gestellt wurde, bedrohte er sie mit seiner Lanze. Daraufhin wurde er von einem Beamten mit einem gezielten Schuss in den Oberschenkel niedergestreckt.

Vor der Schule und auf dem Schulgelände halfen unorganisiert Passanten den Verletzten.

Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr, die gerade an der Schule vorbeigekommen waren, und in der Nähe der Schule arbeitende Schlosser stoppten vorbeifahrende PKW und forderten die Fahrer auf, die zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Kinder ins nächste Krankenhaus zu fahren.

Feuerwehr, Malteser Hilfsdienst und eine Sanitätseinheit der Bundeswehr, die in der Nähe stationiert war, kümmerten sich um die noch verbliebenen Verletzten vor Ort.

Walter S. war in mancher Hinsicht ein eher untypischer Amokläufer. Amokläufe an Schulen werden fast ausschließlich von unter 30-jährigen männlichen Tätern begangen, die oft dem Kreis der aktuellen oder kurz zuvor entlassenen oder abgewiesenen Schüler entstammen.

Einige Aspekte des Amoklaufs von Walter S. treten sehr häufig bei diesen Taten auf. Die Tat wurde von Walter S akribisch geplant und vorbereitet. Dies lässt sich bei über 90% der Amokläufe feststellen. Während der Tat agierte Walter S kontrolliert und zielgerichtet. Dem Amoklauf folgte der Suizid von Walter S. Eine Suizidbereitschaft wird bei vielen Amokläufern festgestellt.

Die Motivlage von Walter S bleibt in weilen Teilen unklar. Durch die Giftfteinnahme verstarb er, bevor ihm die Frage beantwortet wurde, warum er gerade Kinder angegriffen hat. Sein Feindbild waren Behörden und Ärzte.

Insgesamt ist wahrscheinlich, dass seine Motivlage vielschichtig war. Walter S. litt seit dem zweiten Weltkrieg an Tuberkulose. Dies führte dazu, dass er seine Anstellung im Polizeidienst verlor. Er versuchte vergeblich eine Anerkennung dieser Erkrankung als Kriegsleiden zu erreichen. Dadurch fühlte er sich von Behörden und Ärzten ungerecht behandelt. Drei Jahre vor der Tat starben seine Ehefrau und sein Kind bei einer Frühgeburt. Er machte die behandelnden Ärzte verantwortlich und bezeichnete sie als Mörder. Daraufhin verfasste er lange Pamphlete, in denen er das Gesellschaftssystem und medizinische Institutionen scharf angriff. Immer mehr betrachtete er sich als das Opfer eines unmenschlichen Systems. Seine Motive können also ein Gemisch aus Rachsucht, psychischer Erkrankung, gesellschaftlicher Entfremdung und tief sitzendem Hass gegen medizinische Autoritäten und Behörden, die er für seine Lebensumstände und privaten Verluste verantwortlich machte, beschrieben werden.

Hierbei bleibt aber die Frage offen, warum sich seine Tat gegen vollkommen unschuldige Personen, Kinder und Lehrerinnen richtete.

Zunächst stand bei der Aufarbeitung die Frage im Vordergrund, ob die Tat hätte verhindert werden können, wenn die Gefährlichkeit von Walter S. rechtzeitig erkannt worden wäre. Hierfür könnten mehrere Aspekte sprechen.

Walter S. war vor der Tat auf behördliche Anweisungen hin von einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie medizinisch untersucht worden. Es wurde ein schizophrener Defektzustand bzw. eine paranoide Entwicklung festgestellt, aber keine von ihm ausgehende Gefährdung für die Öffentlichkeit erkannt.

In seinem umfangreichen Schriftverkehr mit den Behörden hat er eine gewisse Gewaltbereitschaft formuliert. „Wer mir den Schutz des Gesetzes verweigert, zwingt mir die Keule in die Hand.“

Dass Walter S. bereits etwa 10 Jahre vor der Tat Fantasien entwickelt hatte, Kinder zu entführen und zu missbrauchen, wusste der Bruder von Walter S., dem gegenüber er den Plan geschildert hatte, unter dem Keller des elterlichen Hauses einen Tiefkeller anzulegen. Eine Absicht war es auf Feldwegen Minderjährige zu entführen, diese in dem Keller gefangen zu halten und sie bei Bedarf zu missbrauchen. Er besorgte sich in diesem Zusammenhang Fachliteratur über Erdarbeiten. Dieser Aspekt war den Behörden aber nicht bekannt.

Sicherheitskonzepte für schulische Einrichtungen wurden nach dem Amoklauf zunächst nicht entwickelt.

Die hohe Opferzahl beruht auch darauf, dass kein räumlicher Schutz der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen möglich war. Das Schulgelände war nur über die Schulpforte betretbar, die der Täter mit einem vorbereiteten Hilfsmittel blockieren konnte, sodass die Schülerinnen und Schüler und die Lehrerinnen der potenzielle Fluchtweg genommen wurde und Hilfe von außen wurde behindert.

Die Unterrichtsräume besaßen Fensterscheiben, die einfach einzuschlagen waren, was eine entscheidende Voraussetzung für den Angriff vom Schulhof aus war. Es gab keine Möglichkeit, den Einblick in die Unterrichtsräume durch Vorhänge oder andere Formen des Sichtschutzes zu verhindern, sodass der Täter seine Opfer leicht lokalisieren und gezielt angreifen konnte. Die Unterrichtsräume ließen sich nicht verbarrikadieren, sodass die Lehrerinnen versuchen mussten, die Türen an der Klinke zuzuhalten, was sie selber gefährdete und keine ausreichende Wirksamkeit hatte. Der Polizeieinsatz erfolgte zu spät und mit unzureichenden Kräften. Nur ein Fahrzeug mit insgesamt drei Beamten fuhr die Schule an und erreichte sie etwa eine halbe Stunde nach Beginn des Amoklaufs. Eine zielführende Kommunikation zwischen Schule und Polizei war nicht vorbereitet.

Bessere optimierte Sicherheitskonzepte sind heute in allen Notfallplänen wie dem Notfallordner NRW fest verankert. Zum Auslösen von Amokalarm und zur Alarmierung hilfeleistender Stellen dienen Notfall- und Gefahrenreaktionssysteme.

Die Amokwarnung an die Mitglieder der Schulgemeinschaft erfolgt durch klare AIDA-Durchsagen. Die Unterrichtsräume sind zu verbarrikadieren und verfügen über Sichtschutzmöglichkeiten. Die Lehrkräfte werden regelmäßig über relevante Konzepte und Maßnahmen informiert. Der Tatablauf von Volkhoven würde sich heute so nicht mehr wiederholen.

Auf der anderen Seite muss aber davon ausgegangen werden, dass unmögliche Täter mittlerweile voneinander lernen, sozusagen trainieren, um einen möglichst hohen Wirkungsgrad ihrer Tat und wahrscheinlich auch eine maximale Aufmerksamkeit für ihre Tat zu erreichen. Dementsprechend sind die Notfallpläne auch ständig weiter zu entwickeln und zu optimieren.

Bildmaterial aus dem Video

Chronologie der Amokläufe an deutschen Schulen

Chronologie der Amokläufe an deutschen Schulen

Tatablauf in Volkhoven

Tatablauf in Volkhoven

Amoklauf Volkhoven Problemfelder

Amoklauf Volkhoven Problemfelder

Amoklauf Volkhoven Konsequenzen

Amoklauf Volkhoven Konsequenzen

AIDA-Durchsage

AIDA-Durchsage

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